Wieder in die Hande spucken
In Deutschland ist eine Debatte um die Arbeitszeit entbrannt: Die ostdeutschen M+E-Beschäftigten streiken momentan für die 35-Stunden-Woche. Für die Kollegen in den alten Bundesländern sei das schon lange eine Selbstverständlichkeit, argumentiert die IG Metall. Nicht der Westen solle als Vorbild für den Osten dienen, sondern umgekehrt, halten einige Politiker dagegen. In der derzeitigen Konjunkturkrise seien die meisten Bürger bereit, ein bis zwei Stunden mehr zu arbeiten.
Ohnehin genießen die Arbeitnehmer hierzulande die kürzesten Arbeitzeiten rund um den Globus. Die Position als Freizeitweltmeister ist Folge einer langjährigen Entwicklung (Grafik):
Zwischen 1960 und 2002 schrumpfte die tatsächliche Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen um 718 Stunden auf 1.444 Stunden.
Damit arbeiten die Deutschen rein rechnerisch rund 90 Tage weniger als vor 40 Jahren. Eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich könnte der schwächelnden Konjunktur da durchaus wieder Beine machen. Denn in den zusätzlichen Stunden produzieren die Beschäftigten mehr - zu gleich bleibenden Arbeitskosten. In der Folge sinken die Lohnstückkosten, und das ist am Standort Deutschland dringend nötig:
Die Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe lagen 2001 um rund 12 Prozent über dem Durchschnitt der übrigen wichtigen Industrieländer.
Für die gesamtdeutsche Arbeitszeitverlängerung quer durch alle Branchen stehen zwei Wege offen:
o Die jährliche tatsächliche Arbeitszeit wird von 2003 an um einen Tag erhöht -wegfallen könnte etwa ein Urlaubstag. Dadurch verbrächten alle Beschäftigten in diesem Jahr zusammen fast 280 Millionen Stunden mehr in der Firma. Der Wachstumseffekt wäre jedoch bescheiden, weil das Zusatzpensum zu klein ist. In 2003 würde die Verlängerung dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) lediglich ein um 0,3 Prozentpunkte höheres Plus bescheren. Mehr Arbeitsplätze kämen kurzfristig unter dem Strich kaum heraus.
o Alternativ arbeiten die Beschäftigten ab Juli 2003 pro Woche effektiv eine Stunde länger. Über das Jahr gerechnet summieren sich die Extra-Stunden auf gut sechs Tage mehr im Büro oder in der Werkshalle. Für den Einzelnen nicht viel, doch über alle Branchen hinweg kommt bei dieser Variante richtig was in Bewegung:
Insgesamt 726 Millionen Stunden würden zusätzlich bis Silvester geleistet. Im nächsten Jahr stünden sogar rund 1,5 Milliarden Stunden mehr auf der gesamtdeutschen Stempelkarte.
- Eine solche Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde könnte ihre positive Wirkung an allen Schwachstellen der Republik entfalten. Die Effekte im Einzelnen:
Wachstum. In der zusätzlichen Zeit am Arbeitsplatz erwirtschaften die Beschäftigten im zweiten Halbjahr 2003 rund 22 Milliarden Euro. Die Konjunktur käme wieder in Fahrt (Grafik):
Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde schiebt das BIP-Wachstum in diesem Jahr um mehr als 1 Punkt auf 1,6 Prozent an.
Im kommenden Jahr ist die Steigerung der Wirtschaftsleistung mit gut 3 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Arbeitszeitverlängerung doppelt so hoch.
Arbeitsmarkt. Für die Beschäftigten zahlen sich die Anstrengungen zwar nicht in Euro und Cent aus. Dafür wird aber ihr Arbeitsplatz sicheren Durch den zusätzlichen Einsatz sinken nämlich die Lohnstückkosten 2003 um 0,1 Prozent - trotz der üblichen Lohnerhöhungen und der Steigerungen der Sozialversicherungsbeiträge. Im nächsten Jahr geht es nochmals um fast 1 Prozent runter. Die Unternehmen bekommendadurchetwas mehr Luft auf der Kostenseite. Sie können Rationalisierungen erst mal zu den Akten legen und sogar neue Einstellungen planen:
Im Jahr 2004 sorgt die Arbeitszeitverlängerung für rund 60.000 neue Stellen.
Damit steigt die Zahl der Erwerbstätigen um rund 0,2 Prozent.
Würden dagegen keine Extra-Stunden beschlossen, träte die Beschäftigung
auf der Stelle.
Sozialversicherungen. Rund die Hälfte der neu Eingestellten
kommt erfahrungsgemäß geradewegs aus der Arbeitslosigkeit. Die Bundesanstalt
Rir Arbeit hat also einige zehntausend,gunden" weniger und muss dementsprechend
geringere Summen für Arbeitslosengelder, Arbeitsbeschaffüngsmaßnahmen
oder Weiterbildungen hinblättern.
Gleichzeitig beschert der kleine Beschäftigungsboorn den kränkelnden Sozialversicherungssystemen wieder mehr Beitragszahler.
Summa summarum werden die Haushalte der gesetzlichen Arbeitslosen-, Renten-, Pflege- und Kran-kenversicherung-um zusammen fast 1 Milliarde Euro entlastet.
Öffentliche Finanzen. Die Beitragssätze, die sich derzeit auf 42,1 Prozent des Bruttoeinkommens addieren, könnten um 0, 1 Prozentpunkte sinken. Eine Arbeitszeitverlängerung um eine Stunde pro Woche entlässt die rot-grüne Regierung damit nicht aus der Reform-Pflicht; die Koalition muss den immensen Beitragslasten weiterhin beherzt zu Leibe rücken. Doch in Zeiten ständiger Hiobsbotschaften wäre auch das bescheidene Beitrags-Minus eine Wohltat.
Die Beschäftigungs- und Wachstumsperfortnance infolge der Arbeitszeitverlängerung entlastet zudem die öffentlichen Haushalte. Schon in diesem Jahr könnten Mehreinnahmen von gut 5 Milliarden Euro in die Kassen von Hans Eichel und seinen Länder-Kollegen fließen.
Im nächsten Jahr dürften sich die Finanzminister sogar über knapp 12 Milliarden Euro extra freuen.
Die öffentliche Neuverschuldung könnte um 0,6 BIP-Prozente sinken -und das Maastricht-Ziel in greifbare Nähe kommen.